Full Story Travel USA

Tag 75-78: Von Eureka nach San Francisco

By on Freitag, der 1. Dezember 2017

Zugvögel
Als ich am Morgen die nächsten Etappen plane, schaut mir Dick ein wenig über die Schulter und gibt mir wertvolle Tipps. Auf seinen Vorschlag hin, mache ich zunächst einen Abstecher an die Hafenpromenade von Eureka. Hier sind viele Häuser im Kolonialstil zu bewundern. Es wirkt fast wie ein Themendorf in einem Freizeitpark. Alles sieht so renoviert und aufgeräumt aus.

my warmshowers host Dick in Eureka

Es ist ein wenig kompliziert aus der Stadt wieder rauszukommen. Die Route, die ich über meine Navigations-App geplant habe, führt mich ein paar Mal durch zwielichtige, abgelegene Straßen und möchte auch, dass ich über einen Friedhof fahre. Schilder am Eingang weisen allerdings darauf hin, dass ich das besser lassen sollte und so wurschtele ich mich durch die Stadt, bis ich endlich wieder auf dem Highway 101 bin. Außerhalb von Eureka ist viel Weidewirtschaft. Wie von Dick empfohlen, lege ich auch noch einen Stopp in Loleta bei einer Käsefabrik ein. Theoretisch kann man die wohl auch besichtigen, aber ich bin heute nur an einem Sandwich interessiert um mich für die nächsten Meilen zu stärken.

Nach ca. 65km verlasse ich den Highway und biege auf die Avenue of the Giants. Die führt, wie der Name schon vermuten lässt, mal wieder durch Redwoods Wälder. Das Radeln hier ist bedeutend entspannter, als auf dem Highway. Es herrscht wenig Verkehr und die großen Bäume schlucken nicht nur viel Sonnenlicht sondern auch den Lärm. Es herrscht eine angenehme Ruhe. Ich fahre noch weitere 25km bis ich den Burlington Campground erreiche, wo ich heute Nacht zelten möchte. Im Hiker+Biker Bereich herrscht bereits reges Treiben. Auf den ersten Blick kann ich gleich fünf weitere Fahrräder erkennen.

Ich baue zügig mein Zelt auf, um das wenige Restlicht auszunutzen und begebe mich dann mit meinen Kochutensilien und Essensvorräten zu den anderen um mein Abendessen zu kochen. In der Runde treffe ich auch Rosi, deren Namen ich das erste Mal gehört habe, als ich bei Bruce in Tillamook übernachtet habe. Sie war auch einige Tage mit Emily unterwegs und will ebenfalls bis zur mexikanischen Grenze radeln. Mittlerweile radelt sie zusammen mit Amir aus Israel und am heutigen Tag hat sich auch noch Trent ihnen angeschlossen. Darüber hinaus sitzt noch ein Ehepaar aus der Schweiz am Tisch, das wie ich bis nach Feuerland radeln möchte. Wie die Zugvögel scheinen wir alle diesen Platz angesteuert zu haben um uns wieder zu neuen Gruppen zusammenzuschließen und weiter südwärts zu ziehen. Trent und ich beschließen, die nächsten Tage gemeinsam Richtung San Francisco zu radeln. Ich habe ihm erzählt, dass ich in spätestens vier Tagen dort sein möchte und das kommt seinem Zeitplan sehr entgegen, wobei er sich sogar ausgerechnet hat, es in drei Tagen schaffen zu können. Die anderen in der Gruppe sind eher gemütlicher unterwegs und wollen erst eine bwz. zwei Wochen später in San Francisco eintreffen. Das ist mir aufgrund des Wetters und des eingeplanten Halbmarathons allerdings deutlich zu langsam.

Dia de los Muertes
Trent ist von Beruf Tanzlehrer und auch wenn er es nicht raushängen lässt, so scheint er doch sehr austrainiert zu sein. Er schleppt zwar deutlich weniger Gewicht mit sich herum als ich, hat dafür am Berg aber auch ein paar Gänge weniger zur Verfügung. Während ich am Berg noch fünf Gänge weiter runterschalten kann, ist bei ihm bereits Schluss und er muss mit entsprechend Tempo, bzw. Krafteinsatz weitertreten. Letztlich habe ich weder in den Anstiegen noch in den Abfahrten eine reelle Chance an ihm dran zu bleiben. Glücklicherweise macht es ihm nicht viel aus, auf der Bergkuppe oder im Tal auf mich zu warten.

Als wir den höchsten Punkt der heutigen Etappe endlich erreicht haben, beglückwünschen wir uns gegenseitig und freuen uns auf die letzten paar km bis zum Ziel entlang der Küste. Die haben es allerdings in sich. Immer wieder geht es hoch und runter und so kommen zu den 1300 Höhenmetern noch mal über 600 weitere dazu. Die Küste ist die meiste Zeit in einen dichten, weißen Nebel gehüllt. Der Nebel hat etwas majestätisches an sich. Er ist nicht matt wie für mich üblich, sondern erinnert eher an die Hochglanz Lackversion des Nebels den ich aus Deutschland gewohnt bin.

Wir sind froh, als wir endlich in Fort Bragg ankommen. Im lokalen Grocery Store kaufen wir nur ein paar Snacks ein und beschließen auf Empfehlung der Verkäuferin im nahegelegenen mexikanischen Restaurant essen zu gehen. Allerdings haben wir nicht bedacht, dass heute Halloween, bzw. für die Mexikaner der „Dia de los Muertes“ ist. Das Restaurant ist heute geschlossen und es gibt auch keine Alternativen Lokale in dem Dorf. Also radeln wir zurück zum Grocery Store und verpflegen uns für den Abend bevor es zum Zeltplatz geht.

Neben uns zeltet Rodrigo aus Mexiko. Als Trent und ich uns abends in unsere Zelte verkriechen, sehe ich wie noch einige seiner Sachen auf dem Picknick Tisch neben seinem Zelt stehen. So ist es auch nicht verwunderlich als mitten in der Nacht auf einmal ordentlich Radau herrscht als eine Horde Waschbären über sein Essen herfallen. Ich höre, wie Trent und Rodrigo aus ihren Zelten kriechen um die Störenfriede zu verscheuchen. Rodrigo versucht sogar Trent dazu zu animieren mit ihm einen Waschbären zu erledigen. Ich gehe davon aus, dass das nicht ganz ernst gemeint ist. Es klingt aber so surreal, dass ich mein Lachen nur schwer unterdrücken kann und beschließe, lieber im Zelt zu bleiben. Es ist der falsche Augenblick für Schadenfreude.

Das Pech der anderen
„Fucking racoons! Good morning!“. Mit diesen Worten begrüßt uns Rodrigo als er diesen Morgen aus seinem Zelt kriecht. Er muss mittlerweile wohl auch ein wenig lachen angesichts der Geschehnisse der vorigen Nacht. Die Waschbären hatten eine seiner Radtaschen ca. 10 Meter weiter bis zu Trent’s Zelt geschleppt ehe sie von den beiden gestoppt wurden. Sie haben seinen Vorrat an Möhren und Kichererbsen erbeutet. Ich scherze, dass sie sich wenigstens nicht von Junkfood ernähren. Rodrigo lächelt gequält. Kurz darauf verabschieden wir uns. Trent und ich haben heute eine lange Etappe vor uns. Ich habe mich Trent’s Plan angeschlossen und versuche nun gemeinsam mit ihm San Francisco bereits einen Tag früher als ursprünglich geplant zu erreichen. Ich rechne mir dadurch einen Tag mehr Regeneration vor dem Halbmarathon aus.

Bereits nach wenigen km müssen wir jedoch wieder stoppen. Trent hat einen Platten. Wir haben Fort Bragg noch nicht mal verlassen und stoppen neben einem Reifenhändler um das Problem zu beheben. Das Vorhaben entpuppt sich allerdings als durchaus kompliziert. Trent hat ein gewöhnliches Rennrad zu einem Touring-Rad umgebaut. Um den Hinterreifen zu flicken, muss er auch Teile des Gepäckträgers demontieren und hat das passende Werkzeug leider nicht dabei. Glücklicherweise können die Männer aus der Reifenwerkstatt aushelfen. Es vergeht über eine Stunde, ehe der Reifen geflickt ist und wir das Rad wieder zusammengebaut haben. Als wir uns wieder auf den Weg machen, fällt Trent auf, dass er die Bremse vergessen hat einzuspannen. Da er ohnehin schneller unterwegs ist, bittet er mich schon mal vorauszufahren. Er wird mich dann in ein paar Minuten einholen.

Kurze Zeit später bekomme ich von ihm eine Nachricht, dass er wegen der Bremse jetzt doch noch einen Radhändler aufsuchen muss. Ich nehme an, dass sie sich nicht mehr richtig löst. Ich fahre erst mal mit gemächlichem Tempo weiter und gehe nach wie vor davon aus, dass Trent irgendwann später heute wieder zu mir aufschließen wird. Ich mache einen ausgiebigen Stopp in Mendocino und halte Trent immer auf dem Laufenden, wo ich gerade bin und an welchen Stellen ich für Essen oder Getränke stoppe. Mit jeder Antwort von Trent wird es unwahrscheinlicher, dass wir uns heute wieder treffen. Erst gegen frühen Nachmittag ist er endlich wieder unterwegs und ich bereits über 30km voraus.

Am Ende des Tages habe ich fast 140km geschafft und dabei über 1700 Höhenmeter überwunden. Es ging heute den ganzen Tag auf dem Highway 1 entlang der Küste mit stetigen Aufs und Abs. Die Anstiege waren jedoch immer sehr kurz und bis auf ein paar Ausnahmen auch nicht zu steil. Ich übernachte im Stillwater Cove Campground. Dort treffe ich einen weiteren Biker mit dem ich noch einige Zeit am Lagerfeuer sitze während ich mein Abendesse koche. Allzu spät wird es allerdings nicht, denn morgen stehen fast 160km an und ich möchte bereits vor 8:00 wieder auf der Straße sein.

Ankunft in San Francicso
Es ist kurz nach 7:30 als ich den Zeltplatz verlasse. Ich habe sogar schon etwas gefrühstückt und starte motiviert in meine letzte Etappe auf dem Weg nach San Francisco. Ich möchte spätestens um 19:00, also vor Einbruch der Dunkelheit in San Francisco sein und habe ausgerechnet, dass ich hierfür mit einem Schnitt von etwa 15km/h die Stunde radeln muss. Das Profil ist ähnlich wie tags zuvor und es geht ständig auf und ab. Die erst 40km führt der Highway 1 wieder direkt entlang der Küste. Der Horizont schimmert noch gelb-orange vom Sonnenaufgang und ich stoppe mehrfach im Versuch die Szenerie einzufangen. Die Fotos wirken leider nicht so spektakulär wie die persönliche Erfahrung diesen Morgen.

Trotz der Stopps komme ich ziemlich gut voran und beschließe in Jenner im Café Aquatica ein zweites Frühstück einzunehmen. Trent hat mir geschrieben, dass er den Bus nehmen wird, um bis nach Santa Rose zu fahren und dann von dort aus die verbleibenden km bis nach San Francisco zu radeln. Ich könnte mich hier in Jenner dem Bus anschließen, aber das würde sich wie betrügen anfühlen. Ich will es aus eigener Kraft schaffen und bis dato gibt es keine Anzeichen, warum das heute nicht gelingen sollte. Nachdem ich in Jenner wieder aufbreche, ist mein Zeitpuffer, denn ich mir bis dahin erarbeitet hatte komplett aufgebraucht, bzw. ich bin hinter meinem Plan zurück. Von nun an, muss ich erst mal wieder ein paar Stunden fahren, um das Defizit von über 20 Minuten wieder einzuholen. Bei einem geplanten Schnitt von 15 km/h entsprechen das 5km.

Der Highway 1 führt heute durch sehr abwechslungsreiches Gelände. Nach den ersten 40 km entlang der Küste geht es anschließend landeinwärts durch eher landwirtschaftlich geprägtes Gebiet. Ab Kilometer 70 fahre ich entlang der Tomales Bay die vor allem von Muschelfischern, bzw. entsprechenden Restaurants dominiert ist. Nach weiteren 20 km verlasse ich den Highway 1 und fahre auf dem Sir Francis Drake Boulevard bzw. einem parallelen Bike Trail wieder landeinwärts. Ich erreiche San Rafael und kurze Zeit später San Rafael. Es ist sehr hügelig hier und immer wieder kann ich einen Blick auf San Francisco und die Bucht erhaschen.

Kurze Zeit erblicke ich dann auch endlich die Golden Gate Bridge. Ich komme rechtzeitig zum Sonnenuntergang auf der Besucherplattform im Norden der Brücke an. Als ich wenig später die Brücke passiere, herrscht nicht mehr viel Verkehr auf dem Fußgängerbereich und ich kann ungestört ein paar Fotos schießen. Als ich schließlich das andere Ende der Brücke erreiche, ist die Sonne bereits vollständig untergegangen und ich fahre die letzten km bis zum Hostel im Dunkeln durch die Stadt. Es ist 19:30h als ich schließlich das Hostel erreiche – das ist zwar 30 Minuten später als geplant, aber ich bin mit meinem Zeitmanagement heute zufrieden. Hätte ich nicht für die Fotos auf der Brücke gestoppt, hätte ich meinen Plan wahrscheinlich sogar eingehalten.

Als ich im Hostel an der Rezeption einchecke, werde ich euphorisch von Trent mit den Worten: „You made it!“ begrüßt. Er hilft mir mein Gepäck und das Rad die steile Treppe hinaufzutragen und wir tauschen uns über die Ereignisse der letzten beiden Tage seit der Panne aus. Ich bin froh in San Francisco zu sein und bin erstaunt wie gut ich mich trotz der langen und intensiven Passagen die letzten Tage fühle.

TAG

Sonntag, der 3. Dezember 2017

RELATED POSTS
+++ it ain’t till it’s over +++

Mittwoch, der 5. Dezember 2018

+++ Interview with Argentinian television +++

Donnerstag, der 1. November 2018

+++ Lago de Titicaca +++

Dienstag, der 30. Oktober 2018

+++ last night in Cusco +++

Samstag, der 6. Oktober 2018

+++ visiting Macchu Picchu +++

Montag, der 1. Oktober 2018

+++ sprinting through the Andes towards Cusco +++

Montag, der 1. Oktober 2018

+++ arrived in Huancayo – my plan for the next three months +++

Sonntag, der 16. September 2018

+++ great hospitality on the way to Cajamarca +++

Freitag, der 24. August 2018

+++ finally in Peru +++

Freitag, der 17. August 2018

1 Comment
  1. Antworten

    Uli

    Freitag, der 1. Dezember 2017

    As always a quite nice storry. I’m impressed over your experience you gained and the fun jou enjoyed ( like your usuall very pain with your weels) 😭

Kommentar verfassen