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Tag 54 – 56: die Olympic-Halbinsel

By on Samstag, der 4. November 2017

Langsam wieder einrollen
Jon ist bereits wach als ich mein Zimmer verlasse. Er hat Kaffee gekocht und steht in der Tür zwischen Küche und Garage von wo aus er mein Fahrrad begutachtet. Er scheint fast alle verbauten Komponenten an meinem Fahrrad zu kennen und beglückwünscht mich. Mit dem Fahrrad sollte ich es nach Tierra del Fuego schaffen. Ich erzähle ihm, das ich lediglich Probleme mit meinen Ortlieb Taschen hatte. Da springt er sofort drauf an und kann selbiges berichten. Er schimpft auf die billigen Halterungen und hat das Problem bereits von mehreren Radreisenden zu hören bekommen. Wenn er sich eines Tages Ortlieb Taschen anschaffen würde, müssten zunächst alle Halterungen mit rostfreien Stahlschrauben und Muttern ausgetauscht werden. Die von Ortlieb verwendeten Schrauben sehen eher aus wie Holzschrauben und werden von einem Plastikgegenstück gehalten. Zudem benötigt man einen Torx Schraubendreher um diese festzuziehen. Und ein Torx Bit suche ich an meinem Multitool vergeblich.

Während ich mein Frühstück gemütlich zu mir nehme, plane ich meine Route für die nächsten Tage. Jon gibt mir ein paar hilfreiche Tipps und auch noch eine Radkarte der Region. Diese hat er zusammen mit einem anderen Radfreund erstellt. Ich vertrödle diesen Morgen ziemlich viel Zeit indem ich auch noch meine neue SIM Karte aktiviere und ein paar Fotos bearbeite. Erst gegen 15:00 breche ich tatsächlich auf. Im Outdoor Geschäft in Port Angeles kaufe ich mir noch ein paar Heringe, die für steinigen Untergrund besser geeignet sind als die, die ich bislang verwende. In dem Laden lasse ich mir auch noch einen Bearproof Foodcontainer aufschwatzen. Der Verkäufer argumentiert, dass ich empfindliche Geldbußen befürchten muss wenn mich ein Ranger in einem der National Parks ohne erwischen würde. Also kaufe ich so ein Ding für 80$. Wieder etwas mehr Gewicht was ich mit mir rumschleppen muss. Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich mich eher mal von ein paar Dingen trennen kann, auch wenn mir das immer noch entsetzlich schwerfällt.

Mein erster Warm Showers Host in den USA

Da ich erst so spät aufgebrochen bin, schaffe ich nur ca. 30km und schlage mein Zelt am Ende des Tages am Salt Creek Campground direkt an der Küste auf. Hier gibt es zwar keine „echten“ Bären, aber in der Nähe meines Zeltes sehe ich einen Waschbären umher schleichen. Die sind zwar nicht gefährlich aber äußerst lästig da sie einem das Essen klauen wenn man nur für einen kurzen Moment unachtsam ist. Zumindest hierfür ist der Container heute Nacht sinnvoll.

Auf abenteuerlichen Wegen
Am nächsten Tag steht wieder eine „richtige“ Etappe an. Ich habe geplant morgen in Aberdeen zu sein und muss dafür insgesamt 260km zurücklegen. Daher möchte ich heute die ersten 130km schaffen. Ich bin diesen morgen aber mal wieder etwas nachlässig beim Zeitmanagement und bringe mein Rad erst nach 10 Uhr in Bewegung. Ich habe zwar ordentlich gefrühstückt und sollte daher erst mal ein ordentliches Stück ohne Pause vorankommen, aber mir bleiben jetzt nur noch ca. 9 Stunden Tageslicht. Das heißt ich bräuchte einen 14km/h Schnitt um das anvisierte Ziel noch zu schaffen. Das ist nicht unmöglich, aber definitiv anstrengend und erfordert den Verzicht auf ausgedehnte Pausen zwischendurch. Und keine Pannen natürlich…

Die heute Tour führt zunächst zum Lake Crescent. In meinem Reiseführer wird empfohlen, die südliche Route entlang des Sees zu nehmen. Aber laut der Radwanderkarte die ich von Jon erhalten habe, ist die Nordroute schöner und ansprechender, da es ein Trail ist und keine Straße, die auch von Autos genutzt werden kann. Und tatsächlich ist es zu Beginn ein wunderbarer Trail und mir kommen vereinzelt ein paar Wanderer entgegen. Ich fahre mal wieder durch den Regenwald und zu meiner Linken tuen sich immer wieder Lücken im dichten Grün auf und geben einen herrlichen Blick auf den See frei. Es macht richtig Spaß auf diesem Pfad zu fahren, es rollt sehr angenehm und ist die meiste Zeit sehr eben, abgesehen von ein paar kleinen Hügeln die eine willkommene Abwechslung bieten. Das ganze ändert sich jedoch nach gut der Hälfte des Trails. Es wird immer felsiger und der Pfad verjüngt sich immer mehr bis ich schließlich das ein oder andere mal unvermittelt absteigen muss um nicht zu stürzen. Schließlich verwandelt sich das Ganze in einen Single Trail, den ich definitiv nicht mehr fahrend bewältigen kann. Mein Fahrrad wäre dazu sehr wahrscheinlich schon noch in der Lage, aber meine überbreiten Taschen könnten sich an einer der vielen Engstellen verhaken und würden mich samt Fahrrad sehr wahrscheinlich in den See katapultieren. Zu meiner linken Seite ist nämlich nicht viel, was mich bei einem Sturz aufhalten würde. Und geht zum Teil 1 bis 2 Meter felsig abwärts. Also lege ich die nächsten paar hundert Meter schiebender Weise zurück. Irgendwann wird der Trail dann glücklicherweise wieder etwas breiter und der Untergrund ist auch nicht mehr von großen, schroffen Felsbrocken gesäumt so dass ich wieder weiterradeln kann. Trotz der schwierigen und mühsamen Passage hat dieser Weg entlang des Sees definitiv Spaß gemacht. Zugleich bin ich aber auch froh, dass ich diesen Abschnitt nicht mehr gestern Abend im Anbruch der Dunkelheit in Angriff genommen habe.

Nach dem Lake Crescent geht es dann größtenteils auf dem Highway 101 bzw. auf einem parallelen Fahrradweg weiter entlang der olympischen Halbinsel. Das Terrain ist hügelig aber nicht zu anstrengend mit moderaten Steigungen. Ich komme gut voran aber die avisierten 130 km werde ich heute nicht mehr schaffen, aber zumindest 100km sollen es werden. Dieses Vorhaben wird dann aber kurz vor Forks auf eine harte Probe gestellt. Aufgrund des zum Teil sehr starken Verkehrs auf dem Highway bin ich große Teile auf dem Seitenstreifen gefahren und habe mir mal wieder ein Metallstück in den Hinterreifen gerammt. Das ist der Reifen, der eigentlich durch das Pannenspray gegen kleinere Pannen geschützt sein soll. Mit mittlerweile etwas Routine schaffe ich es dann aber den Reifen ohne große Probleme zu flicken. Trotzdem hat mich das wieder ca. eine halbe Stunde gekostet. Ich mache noch einen kurzen Stopp in Forks um ein Sandwich zu essen und heute Abend nicht kochen zu müssen. Ich suche mir den Cottonwood Campground am Hoh River aus. Bis dahin sind es noch ca. 30km und ich werde es definitiv nicht mehr bei Tageslicht schaffen. Bei meiner Planung habe ich leider übersehen, dass der Zeltplatz zwar nah am Highway 101 liegt, man aber trotzdem bereits über 5km von diesem abbiegen und durch den dunklen Regenwald radeln muss um dorthin zu gelangen. Ich muss wieder an die vielen Berglöwen denken, die hier angeblich zuhause sind. Das ist ein Nervenkitzel, den ich nicht so oft haben möchte. Ich bin erleichtert, als ich endlich am Zeltplatz ankomme. Es ist ruhig hier und ich beende den Tag bald. Morgen stehen ja 160km an.

160km bis Aberdeen
Kurz nach 8:00 Uhr sitze ich den nächsten Morgen im Sattel. Heute muss ich fast ausschlich dem Highway 101 folgen, was die Navigation sehr einfach macht. Ich mache einen kurzen Stopp am Ruby Beach. Aufgrund des heutigen Zeitdrucks verzichte ich allerdings auf einen Spaziergang am Strand auch wenn die Szenerie dazu einlädt. Aber dafür müsste ich mein Fahrrad zurücklassen und ein paar Meter die Klippen herabsteigen. Glücklicherweise müssen auf der heutigen Etappe keine größeren Berge überwunden werden und so komme ich zügig voran. Als ich schließlich zur Halbzeit der Etappe den Lake Quinault erreicht habe bin ich zuversichtlich, dass ich es bis 19:00 nach Aberdeen schaffe. Ich schreibe meinen Warm Showers Host Marnie an um sie zu unterrichten, wann ich ungefähr ankomme. Sie antwortet, dass das Essen dann bereit stünde. Traumhaft! Ab nun wird es zunehmend flacher und so rolle ich sogar noch früher als erwartet in Aberdeen ein. Das Essen ist zwar noch nicht fertig, aber so kann ich erst mal meine Sachen zum Trocknen ausbreiten und eine warme Dusche nehmen.

Marnie hat einen leckeren Auflauf mit Hühnchen in den Ofen geschoben und es riecht bereits köstlich als ich frisch geduscht zurück in die Küche komme. Sie hat schon mehrere Radler beherbergt und weiß daher, dass diese meistens ordentlich Appetit haben. Entsprechend groß ist die Auflaufform die sie verwendet hat. Aber so sehr ich mich auch anstrenge und trotz mehrfacher Aufforderung Marnie’s dass ich mir noch Nachschlag gönnen soll, bleibt die Form am Ende noch zur Hälfte gefüllt. Abgesehen davon, hat Marnie auch noch Apfelkuchen gebacken. Davon möchte ich auch noch was probieren. Am Ende des Abends gehe ich gut gesättigt ins Bett. Die ersten Tage in den USA verlaufen vielversprechend.

TAG

Samstag, der 28. Oktober 2017

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2 Comments
  1. Antworten

    Katze

    Sonntag, der 5. November 2017

    Keep on cycling, Martijn! Und immer genug Druck auf den Reifen! 😀

  2. Antworten

    Adrie

    Sonntag, der 5. November 2017

    Jammer, morgen (ofzo) maar weer fietsen dan……….. tijd voor die koffie dan maar

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